„Bin ich schon drin?“, fragte 1999 der Tennis-Superstar Boris Becker in einem Werbespot für AOL, dem damals größten Onlinedienst der Welt. „Das ist ja einfach!“.
Innerhalb eines Jahrzehnts hatte sich die Idee des Worldwide Web und der Vernetzung des Wissens aller Menschen von einem Nischenthema für Experten, Wissenschaftler und Computernerds zu einem Massenphänomen entwickelt. Die durch Telekommunikationsunternehmen gestärkte Popularität und die zunehmende technische Einfachheit mit seinem Computer zu Hause oder im Büro (damals noch mehrheitlich über Kabel) „ins Internet zu gehen“ führte dazu, dass zur Jahrtausendwende bereits Millionen Deutsche das Internet nutzten. Anfangs noch sehr textlastig, wurde das Netz mit zunehmender Bandbreite schneller und visueller. Spätestens seit Einführung des ersten Apple iPhone im Jahr 2007 war es auch unterwegs verfügbar. Keine 10 Jahre später war bereits mehr als die Hälfte der Deutschen im Besitz eines Smartphones, heute können wir nahezu von einer Vollversorgung sprechen. Die Vorteile der Technik faszinieren und überzeugen: In einem Multifunktionstool bündeln wir unzählige Anwendungen, die vorher auf verschiedene Geräte verteilt waren: Telefon, Kamera, Musikplayer, Navigationsgerät, Taschenlampe, Kalender, Notizbuch, … Tausend Gründe, das Gerät in die Hand zu nehmen – und gar nicht mehr aus der Hand zu legen.
Die „Killer-App“ des Smartphones ist jedoch die omnipräsente Verfügbarkeit des Internets. Wir haben nahezu immer und überall Zugriff auf das gesammelte Wissen der Welt, auf eine in Echtzeit aktualisierte Informationsmenge, die noch vor der Jahrtausendwende für die meisten Menschen niemals erreichbar gewesen wäre. Der zweite wesentliche Vorteil sind die Kommunikationsmöglichkeiten: Wir sind nicht nur Rezipienten, sondern können auch selbst Botschaften senden. Jederzeit und überall sind wir mit der Welt vernetzt. Wir stehen in Beziehung zu mehr Menschen als je zuvor in der Menschheit; in digitalen sozialen Netzwerken, als Sender und Empfänger von Information und Kommunikation. Wir sind mit dem Smartphone „always on“. Immer verfügbar am Körper getragen, als technische Erweiterung unserer selbst. Auf den ersten Blick wirkt es tatsächlich wie ein nahezu paradiesischer „Baum der Erkenntnis“, der unserer Selbstermächtigung dient, Freiheit und Möglichkeiten vergrößert.
Durch den (in der westlichen Welt) uneingeschränkten und individualisierbaren Informationszugang stärkt es die Idee der Aufklärung und die Möglichkeit, selbstbestimmte, autonome Entscheidungen zu treffen. Es bietet barrierearmen und oft kostenlosen Zugang zu Informationen und Bildung, die Privatpersonen, Staaten, Wissenschaftler und Universitäten teilen. Wissen ist überall verfügbar: Sei es auf Plattformen wie Wikipedia, KI-Chatbots oder durch kostenfreie Vorlesungen der führenden Universitäten der Welt – von MIT über Harvard bis Oxford. Auch unzählige privat produzierte „How to“ und „Do it yourself“-Tutorials bieten die Möglichkeit, sein Wissen und seine Fähigkeiten selbstständig und selbstbestimmt zu erweitern. In der Theorie bietet dieses Mehr an Wissen und freier Informationszugang auch die Basis für informierte rationale Entscheidungen und kritisches Denken. Doch ob mehr Information zu mehr Wissen und mehr Wissen automatisch zu mehr Erkenntnis führt, bleibt zu beweisen.
Auch die Möglichkeit, über das Internet selbst seine Botschaften und Meinungen zu verbreiten und die gesamte Öffentlichkeit zu erreichen, ist revolutionär. „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.“ So steht es zwar seit 1949 in Artikel 5 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Aber als damals die Meinungs- und Informationsfreiheit garantiert wurde, konnte noch niemand ahnen, wie umfassend und wirkmächtig dieser Anspruch in Zeiten des Internets sein würde. Zuvor konnte man Leserbriefe oder Bücher schreiben (wenn man einen Verlag fand, der sie veröffentlichte), seine Botschaften auf Flugblätter oder Plakate schreiben (wenn man sie malen oder drucken konnte) oder seine Meinung auf Marktplätzen oder Demonstrationen kundtun (mit einer sehr begrenzten Menge an Zuhörern). Heute können wir unsere Meinung „in Wort, Schrift und Bild“ ohne größeren Aufwand mit dem Smartphone über unzählige Plattformen verbreiten und potenziell jeden Menschen erreichen. So gesehen scheint es, als ob das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung erst mit Zugang zum Internet Wirklichkeit geworden ist.
Daraus ergibt sich dann auch die vermeintlich demokratieförderliche Wirkung des Internets: es trägt maßgeblich zur Meinungsbildung bei und vereinfacht die Mobilisierung der Öffentlichkeit. Über unzählige Plattformen werden Diskussionen geführt, Petitionen organisiert und echte Beteiligung ermöglicht. In diesem Sinne sind gerade die Social Media Plattformen im besten Sinne sozial, da sie sowohl die Meinungsäußerung als auch Diskussion, Zustimmung und Unterstützung in Sekundenschnelle ermöglichen. Viele zivilgesellschaftliche Bewegungen, sei es der „Arabische Frühling“ oder „Fridays for Future“, hätten ohne Internet nicht so schnell und unkompliziert ihre Wirkung entfalten können. Ebenso nutzen Whistle Blower, Investigativjournalisten und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) die neuen Technologien zur Bereicherung des demokratischen Diskurses. Konzepte wie beispielsweise „Liquid Democracy“ können digital umgesetzt werden und Bürgerräte und demokratische Willensbildung fördern. Selbst autoritäre Staaten müssen sehr viel Energie und Geld aufwenden, um eine wirkungsvolle Zensur des Internets und somit der öffentlichen Meinung zu betreiben, denn sowohl die technische Struktur des Netzes als auch seine globale Verbreitung ermöglichen es, dass diese Mechanismen immer wieder ausgehebelt oder umgangen werden können.
Die Versprechen zu Beginn der Internet-Ära sind riesig: Erkenntnis, Freiheit, gesellschaftlicher Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum. So groß die Erwartungen, so groß ist auch die Fallhöhe.
Befreiung der Wirtschaft von Produktionsmitteln
In einem Bereich haben Digitalisierung und Internet geliefert: sie haben für unermesslichen wirtschaftlichen Wohlstand gesorgt. Zumindest für den von einigen wenigen Internet-Pionieren der ersten Stunde.
Nicht zufällig entstand im Zuge der Digitalisierung der Mythos des „Garagen-Start-ups“ und verbreitete sich vom Silicon Valley aus in die ganze Welt. Heute milliardenschwere Unternehmen wie Apple, Google oder Amazon sollen dort gegründet worden sein – ein Update des amerikanischen Aufstiegstraums „vom Tellerwäscher zum Millionär“ für das Informationszeitalter. Jeff Bezos (Amazon) soll 1994 seinen Online-Buchhandel inklusive Lagerung und Versand in der heimischen Garage gestartet haben. Larry Page und Sergey Brin (Google) sollen dort ihren ersten Server betrieben und ihre Suchmaschine zur Marktreife entwickelt haben. Egal ob Tatsache oder urbane Legende, die Geschichten unterstreichen die Verheißungen des digitalen Kapitalismus. Einerseits sind kaum Ressourcen zum Aufbau eines digitalen Unternehmens notwendig: Wo in der Industrie teure Maschinen und große Produktionshallen notwendig waren, reichen oft ein erster Computer, ein kleiner Server und ein Internetzugang. Andererseits sind die Wachstums- und Gewinnchancen exorbitant: Der Traum jedes Tech-Gründers ist die „Skalierbarkeit“ seines Geschäftsmodells, also ein exponentielles Wachstum, ohne dabei parallel steigende Kosten zu haben. Die Vervielfältigung einer Software kostet praktisch nichts, ein weiterer User fällt auf einer Plattform kaum ins Gewicht – und massives Wachstum benötigt lediglich eine Anpassung der Serverinfrastruktur. Dass die Rechnung für einige aufging, zeigt der Umstand, dass sieben der zehn reichsten Männer (es sind nur Männer) laut Forbes-Liste 2026 aus Digital-Tech-Unternehmen stammen – mit Elon Musk als erstem Billionär der Welt an der Spitze.
Aber auch jenseits dieser Superreichen beflügelt die Idee, ein schnell wachsendes Digital-Start-Up zu gründen: Nicht nur in der TV-Show „Höhle der Löwen“ schwärmen die Gründer in ihren Pitches von der Skalierbarkeit ihres Business Case, um die potenziellen Investoren zu überzeugen. Auch der Deutsche Gründungsmonitor zeigt, dass heute zwei Drittel aller Start-ups in Deutschland auf digitale Geschäftsmodelle setzen14.
Der digitale Fortschritt hat heute die Prozesse jedes Unternehmens und jeder Branche tiefgreifend verändert – selbst Landwirtschaftsbetriebe sind digital optimiert. Erfolgreiche Digitalisierung wird zum Wettbewerbsvorteil; wer sich der digitalen Transformation verweigert, den bestraft der Markt. Das gilt umso mehr, seit Künstliche Intelligenz (KI) in den Unternehmen Einzug gehalten hat. Es gilt der Automatismus: wer heute nicht beim Fortschrittstempo mithält, kann morgen Insolvenz anmelden.
Die digitale Vermessung und KI-gestützte Optimierung aller Unternehmensprozesse ermöglichten nicht nur die Reduzierung vieler Kostenfaktoren (das sind nicht selten auch die Mitarbeitenden), sondern gleichzeitig auch die Erweiterung des Angebotes durch innovative Produkte und Dienstleistungen und die Erschließung neuer Märkte. Hinzu kommt, dass durch die Erhebung von immer mehr Daten und Informationen sowie ihre digitalgestützte Auswertung die steigende Komplexität auch besser managebar gemacht werden soll. Dieses Versprechen gilt für die Wirtschaft ebenso wie für die öffentliche Verwaltung.
Vom Start-up zur Rekordbewertung, günstigere Produkte und bessere Innovationen für alle, ein effizienter, schlanker Staat, gesellschaftlicher Fortschritt – dank Digitalisierung und KI. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Und doch ist das die zentrale Erzählung, die in unserem kollektiven Bewusstsein verankert ist: Digitalisierung macht alles für alle besser. Das Narrativ ist gesetzt und führt zu einem Imperativ mit einem klaren Auftrag: Digitalisiert alles noch umfassender und noch schneller, denn das ist gut für uns Menschen!
Die zentralen Versprechen der Digitalisierung sind verführerisch. Wir generieren und verarbeiten immer mehr Informationen und Daten und machen daraus Erkenntnis und selbstbestimmte Entscheidungen. Wir vernetzen uns global, werden Teil immer größerer digitaler Communities und leben und arbeiten zusammen mit Menschen weltweit. Gemeinsam optimieren wir Innovationskraft und Wohlstand. Meinungsfreiheit und -vielfalt im Netz führt zu mehr Wissen, Aufklärung und Fortschritt in der realen Welt.
So schlüssig es auf den ersten Blick scheint, die schöne digitale Oberfläche hat Risse bekommen: Wir spüren, dass der Information-Overload nicht automatisch zu Erkenntnis führt, der versprochene Wohlstand nicht allen gleichermaßen zugutekommt, monopolistische Digital-Strukturen Freiheit auch beschneiden können. Und wir fühlen uns trotz aller Vernetzung manchmal einsamer als je zuvor.
Mehr als ein Vierteljahrhundert nach Boris‘ ersten Internet-Verbindungsversuchen ist unsere Wirklichkeit eine andere. „Wir gehen nicht online. Wir leben online.“ zitiert eine Telekom-Werbung ihre jugendliche Kundschaft. Doch wie sieht die digitale Realität jenseits der Versprechen aus? Wenn wir nun online leben, wo leben wir dann nicht mehr?
Quellenübersicht
- Startupverband: Deutscher Startup Monitor 2025. startupverband.de – Startup Monitor 2025.