Seit neun Monaten ist Eva nun auf dieser Welt. Ihre Lieblingsbeschäftigungen als junger Mensch sind Essen und Schlafen. Wenn sie Hunger hat und nicht schnell genug die Brust bekommt, dann schreit sie. Wenn andere Bedürfnisse nicht erfüllt werden, es beispielsweise zu hell oder zu dunkel oder zu laut oder zu warm zum Schlafen ist, dann weint sie. Doch meistens lächelt sie – und blickt staunend mit großen blauen Augen auf die faszinierende Welt, die sie umgibt.
Oft, wenn sie im Kinderwagen durch die Stadt gefahren wird, sieht sie jedoch nur einen kleinen Ausschnitt: sie erblickt den strahlend blauen Himmel, die Baumkronen oder Hausdächer, die an ihr vorbeiziehen. Manchmal sieht sie auch Vögel am Himmel oder ein fremdes Menschengesicht, das sich neugierig über den Kinderwagen beugt.
Doch das ist das Allerwichtigste für sie: das Gesicht ihrer Mama. Ihr Lächeln. Der Blickkontakt. Sie braucht die Sicherheit dieser Verbindung in einer für sie neuen und noch fremden Realität. Sie lächelt ihre Mama an und die lächelt zurück. Sie kräht ein paar unverständliche Laute und bekommt sofort eine liebevolle Reaktion. Resonanz gibt ihr Stabilität. Sie gibt ihr Sicherheit und Vertrauen in diese Welt. Für ihr ganzes Leben. Das ist keine Metapher, sondern Entwicklungspsychologie.
Aber immer häufiger wird diese Verbindung unterbrochen. Zwischen das Gesicht ihrer Mama und ihres schiebt sich eine seltsame Metallplatte, die den direkten Blickkontakt verhindert. Dann blickt sie in eine Kameralinse, statt in das Auge ihrer Mutter. Oder die Verbindung ist unterbrochen, obwohl sie sich noch sehen, denn Mama scheint sehr konzentriert mit dieser Metallplatte beschäftigt zu sein, auf ihr zu tippen, sie zu streicheln oder mit ihr zu sprechen. Was kann es denn da so Wichtiges geben? Das kennt sie auch von ihrem Vater, der immer häufiger beim Kinderwagenschieben so seltsame weiße Knöpfe im Ohr hat und dann die ganze Zeit mit Menschen spricht, die in der Realität gar nicht da sind. Und auch er scheint für Eva dann nicht mehr so ganz da zu sein. Doch wo ist er dann?
Wo sind nur die ganzen Studierenden, fragt sich auch die Dozentin Dr. A. Die virtuellen Vorlesungen sind seit Corona zum Standard geworden. Statt in einem Hörsaal, sitzt sie nun praktischerweise zuhause, hat ihren virtuellen Hintergrund eingeblendet, spricht und lächelt in die Laptopkamera. Manchmal ist sie ein wenig unsicher oder verlegen, denn sie redet in das Nichts von 25 schwarzen Monitoren ihrer Videotelefonie-Software. Sie freut sich schon, wenn gelegentlich ein virtueller „Daumen hoch“ von einem Teilnehmenden eingeblendet wird. Oder wenn sie eine Frage im Chat gestellt bekommt. Wirklich echte Interaktion mit Video und Sprache ist dagegen selten. Auch weil die Vorlesungen für Nicht-Anwesende aufgezeichnet werden und somit schon aus Gründen des Datenschutzes niemand gezwungen wird, die Kamera einzuschalten. Also unterrichtet sie keine Menschen in einem Hörsaal ihrer altehrwürdigen Universität, sondern schaut und spricht in ein undefiniertes Nichts. Seit sie ausschließlich virtuell unterrichtet, spart sie täglich über eine Stunde Fahrtzeit – aber immer häufiger fragt sie sich, ob das wirklich ein Gewinn für sie ist. Eigentlich hatte sie sich einmal für diesen Beruf entschieden, gerade weil sie das Leben auf dem Campus, die Atmosphäre im Hörsaal und den direkten Austausch mit den Studierenden so inspirierend fand. Doch statt in menschliche Gesichter blickt sie nun auf den leuchtenden Monitor.
Auch für Altenpfleger V. hat sich sein Traumberuf stark verändert. Immer weniger Verbindung hat er mit den Menschen, wegen denen er eigentlich hier ist. Insbesondere die umfangreichen Pflichten zur Dokumentation seiner Arbeit in stetig neuen, noch ausgefeilteren Computersystemen (für die er sich eigentlich noch nie interessiert hat) rauben ihm mehr Zeit, als sie ihm sparen. Aber das Management erwartet das als Teil seines Berufes, denn sonst ließen sich manche „Effizienzpotenziale nicht heben“ und die Wirtschaftlichkeit wäre gefährdet, wie er zuletzt in einer Ansprache der Geschäftsleitung gelernt hat. Doch obwohl in seiner Abteilung nach wie vor einige Stellen unbesetzt sind, kann er sich nun über ein wenig Entlastung freuen: die neuen Digital-Tablets sorgen bei vielen Heimbewohnern für Unterhaltung und Ablenkung. Einige können sich stundenlang mit YouTube-Filmen oder Spielen beschäftigen. Auch für Demenzkranke haben sie schon seit Jahren digitale Streicheltiere im Einsatz: die Roboterrobben können mit den Augen rollen oder schnurren und helfen – wissenschaftlich fundiert – dabei, die Demenzpatienten wahlweise zu beruhigen oder zu aktivieren. V. findet sie ja ein wenig unheimlich, aber er denkt sich: wenn ich schon immer weniger Zeit für die Heimbewohner habe, dann sind diese digitalen Angebote ja vielleicht besser als gar nichts.
Drei ganz banale Geschichten aus unserem heutigen Alltag, die wir so oder ähnlich schon gehört, gesehen oder selbst erlebt haben. Man könnte noch spektakulärere Stories dazu addieren, die wir vielleicht nur aus den Nachrichten kennen: Zum Beispiel von Menschen, die sich in Avatare verlieben, die mit KI-Apps ihre Suizidgedanken besprechen oder Verstorbene durch Chatbots wieder auferstehen lassen. Von Unternehmen, die ihren Investoren stolz berichten tausende Mitarbeitende durch effiziente Roboter oder KI-generierte „Digital Humans“ zu ersetzen. Von Staaten, die ihre Bevölkerung mit digitaler Überwachung immer besser kontrollieren und mit Social-Media-Kampagnen manipulieren können. Bis hin zu KI-gestützter Kriegsführung, die die Auswahl von Angriffszielen, die Steuerung von Drohnen, die Reaktion auf Gegenangriffe zunehmend automatisiert und den Menschen von der Verantwortung entbindet.
Diese Geschichten sind keine Fiktion. Sie sind unsere neue Wirklichkeit. Sie illustrieren, wie durch digitale Technologie, Hardware, Software, Daten und Künstliche Intelligenz (KI), die Lebensrealität aller Menschen nachhaltig verändert wird. Sie verändert, wie wir leben, kommunizieren, arbeiten, denken, fühlen und wie wir lieben. Diese Verschiebungen finden manchmal leise und unbemerkt statt, aber sie haben weitreichende Folgen für unsere Wirklichkeit. Denn sie passieren nicht nur im digitalen Raum, nicht nur in der virtuellen Realität irgendwelcher Computerspiele oder digital-simulierter Umgebungen. Und sie sind auch keine Vision oder Dystopie einer fernen Zukunft. Die Digitalisierung transformiert unsere Welt, in der wir heute leben. Die Realität, wie wir sie einmal kannten, gibt es nicht mehr.
Vor allem aber verändert sie uns selbst. Jede und jeden Einzelnen. Jeden Tag. Mit jedem Klick, Tap oder Swipe. Denn unsere Verbindungen zu unseren Mitmenschen, unserer Umwelt und uns selbst werden immer stärker digital vermittelt, verzerrt, unterbrochen oder gar ersetzt. Was macht das mit uns und unserer Beziehungsfähigkeit?
Ich möchte in diesem Buch auf Spurensuche gehen nach den Ursachen, Folgen und Profiteuren der digitalen Transformation. Ich werde aufzeigen, wie Digitalisierung unsere Aufmerksamkeit, Autonomie und Wirklichkeit umgestaltet – und erste Ideen entwickeln, wie wir unsere eigene Gestaltungsfreiheit zurückgewinnen können. Dabei geht es mir um die übergreifende Perspektive auf die Digitalisierung unserer Realität – nicht allein um die eine Social Media-App, die schädlich für Kinder ist, nicht um die Plattform, auf der frauenfeindliche Inhalte geteilt werden, den Roboter, der Arbeitsplätze vernichtet oder eine KI, die demokratiegefährdende Inhalte verbreitet. Es geht weder um Google noch um Elon Musk. Vielmehr werde ich in fünf Schritten einen Rundum-Blick auf die Ursprünge, Konsequenzen und Gestaltungsmöglichkeiten der digitalen Transformation unserer Gesellschaft werfen: Es ist eine tiefgreifende strukturelle und systemische Veränderung, die unser ganzes Leben und unser Menschsein betrifft. Und ich möchte eine Frage ins Zentrum stellen: Welche Aspekte unserer menschlichen Realität wollen wir bei aller Transformation bewahren? Was wir nicht verlieren wollen, ist für uns als Gesellschaft auch die ehrlichere und wichtigere Frage.
Doch den Diskurs bestimmt meist etwas anderes: die unbestimmten Verheißungen einer goldenen Zukunft. Die Versprechen des digitalen Fortschritts sind gigantisch – ihren Ursprüngen und Verheißungen werde ich im ersten Teil des Buches nachgehen. Die Prognosen zu den wirtschaftlichen Vorteilen durch Digitalisierung, Automatisierung und den Einsatz generativer künstlicher Intelligenz überbieten sich mit immer höheren Beträgen. Allein das zusätzliche Wertschöpfungspotenzial der deutschen Wirtschaft bis 2034 soll mehr als 440 Milliarden Euro betragen.1 Die digitalen Wachstumsversprechen für Europa, die USA und weltweit liegen ein Vielfaches darüber. Entsprechend ziehen die großen Tech-Unternehmen auch an der Börse massive Investitionssummen an und schüren exorbitante Gewinnerwartungen. Doch nicht nur die Wirtschaft soll profitieren. Microsoft-Gründer Bill Gates verspricht: „Wir werden in Zukunft nicht mehr so viel arbeiten müssen“.2 Sam Altman, CEO von OpenAI, dem Unternehmen hinter ChatGPT, prophezeit: „Der Gewinn an Lebensqualität durch KI … wird enorm sein. Die Zukunft kann weitaus besser sein als die Gegenwart.“3 Die Vorhersagen klingen so, als würde gesellschaftliche und technische Weiterentwicklung nicht nur parallel verlaufen, sondern sich gegenseitig unterstützen und bedingen. Aber ich bin skeptisch, ob dieser Zusammenhang wirklich stimmt und eine belastbare Basis für unsere Zukunftsgestaltung darstellt.
Niemand will auf die vielfältigen Vorteile der Digitalisierung verzichten – auch ich nicht. Die Möglichkeit von jedem Ort mit Internetanschluss zu arbeiten, empfinde ich als inspirierend und als große Freiheit: weite Teile dieses Manuskriptes habe ich mit Blick auf den Pfälzer Wald, die andalusische Sierra oder den Atlantik in meinen Laptop tippen können. Ich habe Suchmaschinen, Videocalls und KI-Tools genutzt. Aber mindestens genauso wichtig war es mir, mich persönlich mit Kollegen in meiner Bürogemeinschaft zu treffen, mit Experten und Freunden bei einem Glas Wein von Angesicht zu Angesicht über meine Gedanken zu diskutieren oder bei einem Spaziergang am Meer nachzudenken.
Doch bei allen Vorteilen merke ich auch, dass es mir immer schwerer fällt, mich den digitalen Verlockungen zu entziehen. An manchen Tagen gelingt mir das. An anderen ertappe ich mich dabei, wie ich im Wald stehe – und trotzdem aufs Handy starre, automatisch und reflexhaft meine Mails checke. Eine Unterbrechung. Nur ganz kurz. Aber hunderte Male am Tag. Es ist nicht leicht sich als Unternehmer, Sohn und Partner aus der sozial eingeübten permanenten digitalen Verfügbarkeit auszuklinken, ohne für Irritationen zu sorgen. Oder selbst ein schlechtes Gewissen zu haben.
Daher widme ich diesen Fragen den zweiten Teil: Sind wir wirklich noch selbstbestimmt – oder erliegen wir oft allzu leicht der Verführung digitaler Technologien? Gewinnen wir mit unseren hunderten digital-verfügbaren Freunden ein echtes soziales Netzwerk – oder verdrängt es vielmehr unmittelbare menschliche Begegnung? Entscheiden wir bewusst und eigenständig zwischen der analogen und der digitalen Welt? Oder werden wir durch die psychologische Manipulation und leistungsfähige Technik der Digitalisierungsprofiteure bereits so gesteuert, dass uns viele Entwicklungen so erscheinen, als hätten wir sie selbst gewollt?
„Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden“, so der keinen Widerspruch duldende und oft zitierte Glaubenssatz von Carly Fiorina, Ex-CEO von Hewlett-Packard4 aus dem Jahr 2000. Heute erscheint er nicht mehr wie ein Marketingspruch eines US-Technologiekonzerns, sondern als Selbstverständlichkeit, als Common Sense unserer Zeit.
Doch ist das ein Problem? Seit Beginn der Menschheit haben Neugier und Forschungsdrang zu Innovationen und Weiterentwicklungen geführt, die unsere Welt neu geformt haben: von der Erfindung des Feuers über das Rad bis hin zu Buchdruck, Elektrizität oder Dampfmaschine. All diese Neuerungen haben neben den offensichtlichen Vorteilen auch Risiken in sich getragen und eine Adaption der Menschen und Umwelt an diese Entdeckungen gefordert. Transportmittel von der Kutsche über die Eisenbahn bis hin zu Automobil und Flugzeug haben zwar auch Verkehrstote, Umweltschäden und veränderte Landschaften bewirkt, uns aber auch grenzenlose Mobilität, weltweiten Austausch von Waren, Wissen und Ideen ermöglicht. Weil wir als Menschen, als Einzelpersonen und als Gesellschaft, mit der Zeit gelernt haben, den Fortschritt zu gestalten.
Die Alles-Digitalisierung kam jedoch in nie gekannter Geschwindigkeit über uns. Keine 20 Jahre nach der Erfindung des iPhone und der Verbreitung des mobilen Internets, leben wir heute mehr Online, als in unserer Realität. Über 80 Stunden pro Woche verbringen junge Erwachsene im Jahr 2026 in der digitalen Welt5 – mehr als wir arbeiten, länger als wir schlafen. Sie raubt unsere Aufmerksamkeit, unsere Autonomie und verändert unsere Wirklichkeit für immer. Was wir dabei verlieren, sind nicht nur ein paar Stunden, sondern wesentliche menschliche Fähigkeiten: Aufmerksamkeit für den Augenblick und das Gegenüber, Autonomie im Denken und Handeln, unmittelbar erlebte Wirklichkeit.
Digitalisierung und KI versprechen ein bequemeres, effizienteres, besseres Leben. Doch es hat auch seinen Preis: Der Verlust ist das Thema des dritten Teils. Wie verändert sich das Leben von Kindern und Jugendlichen, wenn eine Kameralinse immer häufiger den direkten Blickkontakt unterbricht? Kann unsere Arbeit noch sinnstiftend sein, wenn sie dem digitalen Imperativ der Effizienzmaximierung folgt? Spüren wir mit den Smartwatches und Fitness-Apps noch unseren Körper? Ist in der neuen digitalen Welt noch Raum für menschliche Limitiertheit: Krankheit, Alter, Tod?
Diese Fragen werden in der aktuellen Debatte zur Digitalisierung bisher kaum gestellt. Im Gegenteil: der digitale Fortschritt scheint uneingeschränkt wünschenswert und alternativlos. Die größte Gefahr scheint es zu sein, zu wenig und zu langsam zu digitalisieren, im globalen Wettbewerb zurückzufallen. Auch deshalb hat US-Präsident Trump das Thema als Top-Priorität für sich entdeckt, schart die führenden Tech-CEOs um sich und verkündet Milliarden-Subventionen für KI ebenso wie den Abbau gesetzlicher Beschränkungen. Aber auch die Politik in Deutschland und Europa ist sich trotz aller Regulatorik im Grundsatz einig: Die digitale Transformation von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft muss schnell und priorisiert vorangetrieben werden. Insbesondere im Feld der KI darf Europa von den USA und China nicht abgehängt werden. Doch ist wirklich alles ein wünschenswerter Fortschritt für uns Menschen, was uns als solcher präsentiert wird?
Über 30 Jahre Arbeit in Strategie, Transformation und Marketing haben meinen kritischen Blick geschärft: Digitalisierung wird uns verkauft wie ein Trend, bei dem jeder ganz vorn dabei sein muss. Mit denselben Kommunikations- und Manipulationstechniken, die ich selbst nur zu gut kenne. Wenn man ein starkes Narrativ setzt, hinterfragt es kaum einer mehr.
Die Ziele sind dabei häufig wirtschaftlicher Natur. Kennzahlen und Performance-Indikatoren (KPI) dienen der Gewinnmaximierung. Es geht um viel Geld. Digitalisierung verspricht dabei immer mehr Messbarkeit, Kontrolle, Steuerbarkeit und Effizienz – der Traum eines jeden CEOs. Insofern passen digitaler Fortschritt und kapitalistische Prinzipien perfekt zusammen. Zunehmende Konzentration von finanziellen Mitteln geht aber auch mit Machtkonzentration einher: Monopolistische und oligarchische Strukturen wachsen insbesondere in der digitalen Plattformökonomie. Autokratische Tendenzen in der Politik bedienen sich der digitalen Meinungsmanipulation. Militärische Stärke wird heute stärker von Rechenpower und KI-Fähigkeiten als durch Panzer und Munition bestimmt.
Im vierten Teil blicken wir gemeinsam in den Abgrund: Wohin könnte es führen, wenn durch ungebremste Digitalisierung bei einer kleinen Elite immer mehr Reichtum, Macht und Informationen angehäuft wird? Was passiert, wenn wir ausschließlich dem Ziel der Machbarkeit folgen – ohne der Technik klare Rahmenbedingungen zu setzen? Wenn die Digitalisierung zum Selbstzweck wird, gehen dabei nicht auch zivilisatorische Errungenschaften verloren, die wir hart erkämpft haben? Welchen Preis zahlen wir für die fortschreitende Digitalisierung unserer Realität?
Wahrscheinlich können wir als Menschheit, ebenso wie es uns mit der Erfindung des Feuers gelang, auch mit Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz einen verantwortungsvollen Umgang finden – doch vermutlich bleibt uns dafür deutlich weniger Zeit. Was mir Mut macht: parallel zur Technikeuphorie werden auch kritische Stimmen zunehmend lauter. Allein seit ich mit der Idee zu diesem Buch 2024 gestartet habe, wurden weltweit zahlreiche Gesetzesinitiativen gestartet, Tech-Unternehmen vor Gericht zur Verantwortung gezogen und die gesellschaftliche und intellektuelle Debatte ist deutlich kontroverser geworden.
Selbst Papst Leo XIV. hat den Auswirkungen des technologischen Fortschritts seine erste Enzyklika gewidmet und bezeichnete KI als Revolution und eine Herausforderung für Menschenwürde, Gerechtigkeit und Arbeit6. Dieser Herausforderung sollten wir uns bewusst und aufgeklärt stellen. Doch wie gelingt uns die viel zitierte „Digitale Souveränität“? Also echte Nicht-Abhängigkeit von Technologie? Was bedeutet das für Politik und Wirtschaft, für die Gesellschaft und uns selbst? Klar ist: mit einem persönlichen Digital-Detox-Tag ist es nicht getan. Aber ebenso wenig mit der reinen Auslagerung der Verantwortung an staatliche Gesetze, Regelungen und Verbote. Im letzten Teil des Buches wage ich einen Ausblick, wie die Rückeroberung unserer menschlichen Realität gelingen und eine digital-humanistische Zukunft aussehen könnte.
Die Zukunft ist offen. Sie ist mehr als das Digitalisierungs-Narrativ der Alternativlosigkeit. Bei meinen Überlegungen zu diesem Buch kam mir immer wieder die Frage des Intellektuellen Roger Willemsen in den Sinn, die er bei seiner letzten öffentlichen Rede vor seinem Tod stellte: Wer werden wir gewesen sein?
Aus meiner Beraterpraxis weiß ich: In allen großen Transformationsprozessen ist es zentral zu wissen, was man nicht verändern will. Was der Kern ist, den es zu schützen und zu bewahren gilt? Wer das nicht weiß, verliert das Ziel aus den Augen, noch bevor es losgeht. Bei der Digitalisierung unserer Gesellschaft haben wir darauf noch keine Antwort gefunden. Wir nennen es Fortschritt – und haben uns nicht darauf verständigt, wohin wir eigentlich wollen.
Zwischen Mensch und Mensch, zwischen uns und der Welt, steht jetzt immer häufiger eine Maschine. Immer häufiger ersetzt digitale Konnektivität menschliche Verbindung. Technische Kontrolle ersetzt Vertrauen. Messbarkeit ersetzt Gefühl.
Wenn spätere Generationen einmal auf die heutige Zeit der großen digitalen Transformation zurückblicken: Werden sie sich wundern, warum wir bereit waren für technische Fortschrittsgewinne den Verlust ureigenster menschlicher Eigenschaften und hart errungener Werte herzugeben? Wird die erwachsene Eva uns einmal fragen, warum wir nicht anders gehandelt haben, als wir noch Gestaltungsfreiheit hatten? War ihr Vertrauen in uns und diese Welt gerechtfertigt?
Quellenübersicht
- IW Consult / Implement Consulting Group im Auftrag von Google: Der digitale Faktor (Erweiterung), Februar 2026.
- Schlitt, A.-L. (2023). ZEIT Online. Abgerufen am 1. März 2026 von
https://www.zeit.de/wirtschaft/2023-02/europe-2023-digitalkonferenz-bill-gates-kuenstliche-intelligenz - Altman, S. Sam Altman Blog. Abgerufen am 1. Februar 2026 von
https://blog.samaltman.com/the-gentle-singularity - Fiorina, C. (2000). HP: Carly Fiorina Speeches. Abgerufen am 1. Februar 2026 von
https://www.hp.com/hpinfo/execteam/speeches/fiorina/ceo_ctea_00.html - Postbank Digitalstudie (2026): 18-39-jährige Deutsche verbringen durchschnittlich 80,3 Stunden pro Woche online (Gesamtbevölkerung 18+: 67,4 Stunden/Woche). Repräsentative Befragung von 3.050 Personen, Mai-Juni 2025.
- Papst Leo XIV (2026). Enzyklika Magnifica Humanitas. Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz