Autor: Ingo Rütten

Prolog: Eva und wie sie unsere Welt sah

Seit neun Monaten ist Eva nun auf dieser Welt. Ihre Lieblingsbeschäftigungen als junger Mensch sind Essen und Schlafen. Wenn sie Hunger hat und nicht schnell genug die Brust bekommt, dann schreit sie. Wenn andere Bedürfnisse nicht erfüllt werden, es beispielsweise zu hell oder zu dunkel oder zu laut oder zu warm zum Schlafen ist, dann weint sie. Doch meistens lächelt sie – und blickt staunend mit großen blauen Augen auf die faszinierende Welt, die sie umgibt. Oft, wenn sie im Kinderwagen durch die Stadt gefahren wird, sieht sie jedoch nur einen kleinen Ausschnitt: sie erblickt den strahlend blauen Himmel, die Baumkronen oder Hausdächer, die an ihr vorbeiziehen. Manchmal sieht sie auch Vögel am Himmel oder ein fremdes Menschengesicht, das sich neugierig über den Kinderwagen beugt. Doch das ist das Allerwichtigste für sie: das Gesicht ihrer Mama. Ihr Lächeln. Der Blickkontakt. Sie braucht die Sicherheit dieser Verbindung in einer für sie neuen und noch fremden Realität. Sie lächelt ihre Mama an und die lächelt zurück. Sie kräht ein paar unverständliche Laute und bekommt sofort eine liebevolle Reaktion. Resonanz gibt ihr Stabilität. Sie gibt ihr Sicherheit und Vertrauen in diese Welt. Für ihr ganzes Leben. Das ist keine Metapher, sondern Entwicklungspsychologie. Aber immer häufiger wird diese Verbindung unterbrochen. Zwischen das Gesicht ihrer Mama und ihres schiebt sich eine seltsame Metallplatte, die den direkten Blickkontakt verhindert. Dann blickt sie in eine Kameralinse, statt in das Auge ihrer Mutter. Oder die Verbindung ist unterbrochen, obwohl sie sich noch sehen, denn Mama scheint sehr konzentriert mit dieser Metallplatte beschäftigt zu sein, auf ihr zu tippen, sie zu streicheln oder mit ihr zu sprechen. Was kann es denn da so Wichtiges geben? Das kennt sie auch von ihrem Vater, der immer häufiger beim Kinderwagenschieben so seltsame weiße Knöpfe im Ohr hat und dann die ganze Zeit

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